Vom Tod als Experiment im Leben zum Kino der ethischen Handlungsmacht: Fatih Akin und die 'Ethische Wende'

Authors
Publication date 2011
Host editors
  • T. Schick
  • T. Ebbrecht
Book title Kino in Bewegung: Perspektiven des deutschen Gegenwartsfilms
ISBN
  • 9783531174891
Pages (from-to) 41-62
Publisher Wiesbaden: VS, Verlag für Sozialwissenschaften
Organisations
  • Faculty of Humanities (FGw) - Amsterdam Institute for Humanities Research (AIHR) - Amsterdam School for Cultural Analysis (ASCA)
Abstract
Wie für viele meiner Generation war die Liebe zum Kino stets mehr als Unterhaltung. Es ging auchimmer um die Frage, welchen Platz Kino im öffentlichen Raum einnahm, und welche Rolle der Film für eine fortschritt liche Politik spielen konnte. Nachden entt äuschten Hoffnungen der 1960er Jahre mutierte diese Möglichkeit einer progressiven und gleichzeitig transgressiven Intervention des Kinos in der Gesellschaft - seit November 1989 und dann wieder seit September 2001 - zur Frage, welches Potenzial Filmemachen für einen gleichermaßen unmöglichen wie stets eingeforderten Dialog mit sichbringt: des Dialogs mit dem ethnischen, dem religiösen und dem nationalen Anderen. Dass sichdabei eine Verschiebung von der Politik zu etwas anderem - nennen wir es identity-politics, Multikulturalismus oder Primat der Kultur - abzeichnet, gehört ebenso zum Thema wie die grundsätzliche Ambivalenz des Kinos selbst: als Fenster zur Welteinerseits und als Spiegel des Subjekts andererseits. Die Transparenz und der Abbildrealismus des Films hatt en schon öft er in der Geschichte des Kinos die Erwartung genährt, dass der Kinoapparat einen genaueren - und vielleicht deshalb gerechteren - Blick auf die sichtbaren Erscheinungen der Weltwerfen kann als das menschliche Auge; dass er das enthüllt, was unbemerkt blieb und übersehen wurde; und dass damit eine neue Äquivalenz und In-Differenz in die Weltkommt, welche die Teilung von Subjekt und Objekt aufh eben kann und Ichund Nicht-Ichneu verhandelt. Dem gegenüber steht das Kino als Projektionsfläche und imaginärer Spiegel, die uns mit einem Selbst konfrontieren, das sichstets in idealisierende oder dominierende Blick -Konstellationen, ebenso wie in Verkennung und Verleugnung verstrick t. Zusammen genommen ergibt sichdaraus ein Spannungsfeld, in dem das Kino unser Begehren nachSelbstbestätigung und Identität zu einer Begegnung mit dem Anderen und Fremden machen könnte, anstatt uns in der Verkleidung des Anderen immer nur selbst wieder zu begegnen, indem der Andere das auf uns zurück spiegelt, von dem er glaubt, wir hätt en es auf ihn projiziert.
Document type Chapter
Language German
Published at https://doi.org/10.1007/978-3-531-92804-3_4
Permalink to this page
Back