Tanz des Lebens – Tanz des Todes Hysterische Frauen und Kriegszitterer

Authors
Publication date 2017
Host editors
  • R. Rieger
Book title Bewegungsfreiheit
Book subtitle Tanz als kulturelle Manifestation (1900-1950)
ISBN
  • 9783837638318
Series TanzScripte
Pages (from-to) 137-158
Publisher Bielefeld: Transcript
Organisations
  • Faculty of Humanities (FGw) - Amsterdam Institute for Humanities Research (AIHR) - Amsterdam School for Cultural Analysis (ASCA)
Abstract
Auf die Krise der europäischen Kultur zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die schließlich in die Katastrophe des Ersten Weltkriegs mündete, reagierte die Kunst u.a. damit, dass sie sich vermehrt mit körperlichen Dysfunktionalitäten beschäftigte. Diese Faszination von psychogenen Körperpathologien war einerseits Ausdruck einer zutiefst kritischen Haltung gegenüber den damaligen gesellschaftlichen Idealen, andererseits glaubte man in diesen Grenzgebieten der Bewegung authentische, kulturell weniger überformte Zustände erfassen und künstlerisch weiterverarbeiten zu können. So wanderte der medizinische Diskurs in die Kunst ein.
Großes gesellschaftliches Interesse fanden die Arbeiten von Charcot und Freud über die hysterischen Krankheitsbilder mit ihren neuartigen Ausdrucks- und Bewegungsformen, in denen man als Reaktion auf eine traumatische Vorgeschichte ein spezifisch weibliches kreatives und vitales Potential zu erkennen glaubte. Dieses wurde nicht nur literarisch verarbeitet, sondern vor allem auch vom Ausdruckstanz als „Tanz des Lebens“ gefeiert. Das Gegenstück zu diesen weiblich assoziierten Kunstformen entstand im Granatenhagel der Schützengräben mit den „Kriegszitterern“. Im Unterschied zu jenen sogenannten hysterischen Frauen in der Kunst fielen diese „Kriegsneurotiker“ einer massiven psychiatrischen und gesellschaftlichen Abwertung anheim. Man diffamierte und stigmatisierte sie als „Simulanten“, „Drückeberger“, „verweichlichte Schwächlinge“ oder „effeminisierte Männer“. Eine Gegenstimme zu dieser Diskreditierung bot vor allem die Literatur, die in den „Tänzern des Todes“ die Opfer des Krieges und der Psychiatrie ausmachte.
Der Beitrag hinterfragt die Schnittstelle zwischen Kunst und Wissenschaft, Pathologie und genuinem Körperausdruck anhand der unterschiedlichen Diskurse zur Hysterie und Kriegsneurose. Während der „Tanz des Lebens“ vermehrt im Ästhetischen Eingang fand, war der „Tanz des Todes“ im Therapeutischen verortet. Die jeweiligen Akzente werden, wie zu zeigen ist, jeweils von Raum und Zeit bestimmt. Diese anhaltende Wechselwirkung von Kunst und Medizin soll unter Bezug auf den Tanz als einem expressiven Schlüsselmedium vor dem Hintergrund kreativer Traumata diskutiert und in einen Bezug zum gegenwärtigen Umgang mit „Dysfunktionalitäten“ des Menschen gesetzt werden.
Document type Chapter
Language German
Published at https://doi.org/10.14361/9783839438312
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